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Raum 10
       
18. Jahrhundert
 
       
       
Das Rokoko, die "galante Zeit", wie die Zerfallsperiode feudaler Vorherrschaft oft genannt wird, war gekennzeichnet durch äußerste Verfeinerung der höfischen Etikette und Moden. Die Hofmode des Rokoko war die letzte europaweite Mode, in der sich ein Stand durch Äußerlichkeiten deutlich von anderen abgrenzte. In der Kleidersilhouette glichen sich die Höflinge des Rokoko den Damen an, die - wie das Beispiel der Madame Pompadour, der Mätresse König Ludwigs XV. von Frankreich, zeigte - zunehmend den Ton angaben.
     
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Höfische Kleidung, Frankreich,
Anfang 18. Jh.
Angleichung der Kleidung
von Mann und Frau am
französischen Königshof
Bildnis der Madame Pompadour im Reifrock
aus einem Gemälde von
François Boucher, 1759
Strümpfe der Madame
Pompadour aus edler
Spitze, Mitte 18. Jh.
     
Reifrockmode zur Zeit
des Rokoko
Seidenstrumpf, mit Seidenfaden
besticktem Zwickel und
Perlenstickerei, um 1720
Maschinengewirkte Strümpfe,
handbestickt, um 1720.
     

Das Entstehen einer modernen weiblichen Strumpfmode beginnt etwa im Jahr 1718 und steht im Zusammenhang mit dem Aufkommen des Reifrockes. Weiße Strümpfe, unter- oder oberhalb des Knies mit Strumpfbändern gehalten, waren die ersten Damenstrümpfe der neuen und von da an sich schneller ändernden Strumpfmode. In Machart und Verzierung waren sie den Seidenstrümpfen der Männer ähnlich. Der Besitz von Seidenstrümpfen war äußerster Luxus. Sie waren aus Trama-, Florett-, seltener aus Organzin-Seide hergestellt und kosteten bis zu 100 Reichstaler. Aus diesem Grund begünstigten die preußischen Könige etwa auch die Niederlassung ausländischer Strumpfwirker (Gründung der Wirkerzunft in Berlin, 1703), um das Abfließen erheblicher Konsumentenbeträge aus Preußen zu unterbinden. In dieser Zeit beginnt auch die Kunst des Repassierens von Strümpfen, das heißt das Aufnehmen von Laufmaschen durch geschickte Wäscherinnen.

Eine wichtige Rolle begann auch das Strumpfband zu spielen, wie die zahlreichen, oft doppeldeutigen eingewebten Sinnsprüche und Motive belegen.

     
Seidenstrümpfe,
handbestickt
18. Jh.
Maschinengewirkte Strümpfe
mit Aufplattiermuster
2. Viertel 18. Jh.
Strumpfbänder, Spanien, 18. Jh.
Auf dem Band eingewoben:
"NO DEBO VERTE..."
Ich darf dich nicht sehen...
     
Die Hofleute König Ludwigs XIV. und König Ludwigs XV. von Frankreich wirkten ausgesprochen feminin, waren glatt rasiert, parfümiert, gepudert und geschminkt. Die Kniehose, die Culotte, hatte die Rheingrafenhose ersetzt, war in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts von mäßig weitem Schnitt und ließ die darunter getragenen Seidenstrümpfe sichtbar werden. Seit 1730 bildeten am Knieband fixierte Schnallen den Beinabschluss. Zudem überdeckte man seit dieser Zeit nicht mehr mit den Strümpfen den Hosenabschluss, sondern mit den Hosen den Strumpfabschluss. Die Culotte wurde zunehmend enger, bis sie schließlich in den 1780er Jahren das Männerbein glatt und faltenlos modellierte.
     
Kleidung am Hof König
Ludwigs XIV. von
Frankreich (1643-1715)
König Ludwig XV. von
Frankreich ( 1715-1774)
in Militärkleidung
Französische Mode
in Deutschland
1. Drittel 18. Jh.
     
Das in ganz Europa erstarkende Bürgertum übte Kritik an der höfischen Mode und kleidete sich im Gegensatz zu Hof und Adel betont schlicht. Die englische Mode hatte sich bereits im 17. Jahrhundert nach der bürgerlichen Revolution in England vom Hof emanzipiert. Die Kleidung des Bürgers war schon im 18. Jahrhundert modisches Leitbild.  
Commodore Augustus Keppel (1725-1786), nach einem Gemälde von Joshua Reynolds, 1752.
Zum einfachen Tuchrock, dem Frack, wurden enge Kniehosen getragen, anstatt feiner Seidenstrümpfe trug man "derby-ribs" - gerippte Woll- oder Baumwollstrümpfe, die die Einfachheit der neuen Kleidung unterstrichen.  
Englische "derby-ribs" gerippte Baumwol-lstrümpfe
um 1750
Die englische Mode griff in den 1770er Jahren auf den Kontinent über. Auch in Deutschland wurde die englische Mode zum Zeichen der bürgerlichen Freiheitsbestrebungen in der Zeit des so genannten Sturm und Drang, für den Goethes junger Werther in englischer Tracht zum Vorbild der jungen Generation wurde.  
Nach Erscheinen des Romans "Die Leiden des jungen Werthers" von Johann Wolfgang Goethe 1774 wurde die darin beschriebene, nach englischem Vorbild gestaltete Kleidung des jungen Werthers zur Tracht fortschrittlich gesinnter Bürger
   

Mit dem Anlegen der Werther-Tracht, deren gelblederne Kniehosen und Stulpenstiefel markantes Zeichen war, demonstrierte man den Anspruch auf persönliche Freiheit, damit auch den Widerstand gegen die höfischen Sitten.

Seit langem gärten die Befreiungstendenzen von der Macht und Willkür des ökonomisch und gesellschaftlich überholten Feudalsystems und die Vorrechte der vornehmen Geburt, was in Frankreich letztendlich am 14. Juli 1789 mit dem Sturm auf die Bastille zur Französischen Revolution führte.

Als Robespierre Matrosen und Arbeiter aus der Gegend von Marseille zur Verteidigung der Revolution nach Paris rief, erregten diese wegen ihrer bis zur Wade reichenden, unförmigen Beinkleider, den "Matelots", die seit langem zur Tracht der Küstenbewohner, aber auch zur Kleidung der arbeitenden Schichten gehörten, großes Aufsehen. Die langen Hosen der als "Sansculotten" (ohne Kniehose) bezeichneten Marseiller und Arbeiter wurden schnell zum Symbol revolutionärer Gesinnung und lösten die damals in allen bürgerlich-reaktionären Kreisen getragenen Culotten ab. Mit den langen Hosen verschwanden auch die seit fast eintausend Jahren sichtbar gewesenen Männerstrümpfe.

 
"Werther-Tracht"
im Jahr 1787
 
Langhosenkleidung bei Mitgliedern der Pariser Kommune, 1793/1794. Die Langhosen der "Sansculotten" verdrängten allmählich die bis dahin getragenen Kniehosen.
     
In der Endphase der Revolution wandte sich die Mode wieder verächtlich von der Sansculotten-Kleidung ab. Das sich im Directoire mit dem Adel wieder versöhnte Bürgertum, die Bourgeoisie der Konterrevolution als neue Herrschaftsschicht, wusste sich wieder von der Kleidung der Unterschichten zu distanzieren. Der Incroyable, Sprössling der zu Macht und Einfluss gekommenen Bourgeoisie, übertrieb die englische Mode bis zum total Absurden.
       
In konservativen Kreisen
blieben die Kniehosen und
sichtbaren Kniestrümpfe auch
nach der Französischen
Revolution bestehen
Vor allem wohlgeformte
Waden waren zur
Kniehosenmode des 18.
Jahrhunderts erwünscht
Modische Kleidung
in Deutschland
1798 und 1799,
Französische Incroyables
im Jahr 1794
       
Die vormals revolutionäre Langhose wurde von der Mode assimiliert und das neue Beinkleid des Bürgers hatte sich offenkundig bald von seinem Ursprung emanzipiert. Nicht als Kleid der Revolutionäre, sondern als zweckmäßige schlichte und inzwischen schon konfektionierte Bürgerhose, die sich von der Adelstracht abgrenzte, setzten sich die Pantalons durch.  
Deutsche Mode mit Langhosen - die fortan das Modebild des Mannes prägen sollten - aus der Zeit nach 1800
Lediglich konservative Kreise hielten an der herkömmlichen Tracht der eng anliegenden Kniehose fest, so etwa die Teilnehmer des Wiener Kongresses 1814/15 unter der Führung des Fürsten von Metternich.  
die "altehrwürdige" Kniehosenmode bei den Teilnehmern des Wiener Kongresses 1814/1815, Stich von A. Godefrey, 1819
Auch Napoleon Bonaparte griff bei der Ausstattung seines kaiserlichen Hofstaates auf das altehrwürdige Beinkleid des Ancien Régime zurück und trug selbst Kniehosen mit Seidenstrümpfen oder hautenge Beinkleider. Das Bürgertum, nunmehr frei von Kleiderordnungen, fühlte sich nicht mehr bemüßigt, der höfischen Mode zu folgen, und behielt die langen Hosen bei.  
Napoleon Bonaparte, Kaiser der Franzosen, (1804-1815) in hautengem Beinkleid, Anfang 19. Jh.
   
 
Strumpfhosenähnliche Pantalons aus Wolle oder Seide, zum Teil mit kostbaren Stickereien versehen, kamen Ende des 18. Jahrhunderts auf und betonten ein letztes Mal die Beine der modischen Männerwelt, allerdings nur im Geltungsbereich der höfischen Etikette, modisch richtungsweisend wurden sie nicht mehr.
       
Englische "Strumpfhose"
- gestrickte Hose mit
angestrickten Strümpfen
zwischen 1790 und 1820
Englische
Herrenstrumpfhose
um 1795
Seidene
Herrenstrumpfhose
Deutschland, 1795
Seidene Kinderstrumpfhose
mit angestricktem Oberteil
Deutschland, um 1800
       
Strumpfhosenähnliche Pantalons aus Wolle oder Seide, zum Teil mit kostbaren Stickereien versehen, kamen Ende des 18. Jahrhunderts auf und betonten ein letztes Mal die Beine der modischen Männerwelt, allerdings nur im Geltungsbereich der höfischen Etikette, modisch richtungsweisend wurden sie nicht mehr. Diese Strumpfhosen, auch tricots genannt, spielten in der Zeit um 1800 auch erstmals eine Rolle in der Damenbekleidung. Unter den hauchdünnen Chemisenkleidern der Zeit "in griechischer Manier" wurden aus Anstandsgründen und aus Gründen des Kälteschutzes von den Damen hautfarbene tricots - also Strumpfhosen getragen. In der Geschichte der Kostüme ein markanter Einschnitt - erstmals, wenn auch nur für kurze Zeit, übernahmen die Frauen in der Empire-Zeit ein Kleidungsstück aus dem modischen Repertoire des Mannes - und das wohl "männlichste" überhaupt - die Hose, wenn auch in der Form einer Strumpfhose und unter den dünnen Kleidern getragen.
     
"Incroyable" und "Merveilleuse"
1800
Madame Récamier
1802
Tochter der Marie Caroline Bonaparte
1807
     
Mit Beginn des 19. Jahrhunderts spielten die Beinbekleidung und der Strumpf
eine neue Rolle in der Kleidung der Frau.

 

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