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Feinstrumpfhosen für Männer — Witz der Mode oder die Zukunft der Herrenbeinbekleidung?


"Pantyhose for man" dieser Slogan galt 1987 noch ausschließlich für den männlichen Blick auf transparent bestrumpfte Damenbeine

Bis Ende der 1990er Jahre dienten Feinstrumpfhosen Männern allenfalls zum Bankraub, 1987

 

Bankraub in Feinstrumpfhosen, hier ironischerweise von den beiden Geschäftsführern Jörg Bahner und Karl-Heinz Noack des Lauinger Feinstrumpfherstellers Bi für ihre Werbung inszeniert  

 

Interessanterweise scheinen Fein-Strumpfhosen für Männer in letzter Zeit allgemein in den führenden Industrie-Nationen ein Thema zu sein. Unabhängig voneinander, so scheint es, kamen in Österreich und Deutschland, Japan und Amerika Ende des letzten Jahrtausends nicht nur dünngestrickte opake, sondern sogar transparente Herrenstrumpfhosen auf den Markt — in Feinheitsgraden von 70 bis 20 Denier — in den 1980er Jahren ein noch unvorstellbares Thema. Neuerdings werden Herren-Feinstrumpfhosen auch in Holland und in Tschechien für den europäischen Markt produziert.

 

Manager beim Anziehen einer Nylon-Strumpfhose — manipulierter Scherz oder zukunftsweisend? Fundstück aus dem Internet zum Thema

Der neue internationale Trend wird allenthalben auch in der Werbung anderer Sparten aufgenommen, etwa in einer Handy-Werbung für Sony Ericsson Handys, die einen amerikanischen Verkehrspolizisten in Netzstrümpfen und roten Damenpumps persifliert

Herrenfeinstrumpfhosen werden jedoch tatsächlich unter Shorts oder Männerröcken getragen, wie es bereits in New York, Los Angeles, Tokio, Berlin oder München hin und wieder gesehen wird.

Herrenfeinstrumpfhose unter Shorts, USA, Internetfund  
Herrenfeinstrumpfhose unter Shorts, USA, Internetfund  
Herrenfeinstrumpfhose unter Männer-Rock als "business-suit" mit Kravatte, USA, Internetfund  
Herrenfeinstrumpfhose unter Shorts, Japan, Internetfund  
Herrenfeinstrumpfhose unter Shorts, Japan, Internetfund  
Herrenfeinstrumpfhose unter Shorts, Japan, Internetfund  
Herrenfeinstrumpfhose unter langem Männer-Rock, USA, Internetfund  
Mann und Frau im "Partnerlook" mit Schottenrock und Feinstrumpfhose, USA, Internetfund  

"Endzeitsyndrom" — Mann und Frau in der totalen Angleichung von Mode und Optik — sarkastische Karikatur des amerikanischen Comic-Zeichners Robert Crumb, 1970er Jahre


Ob dies nur eine kurze Modeerscheinung ist, etwa bei einer kleinen modischen Avantgarde, wie im künstlerischen Bereich öfters zu sehen, bleibt abzuwarten.

Bühnenauftritt von Kylie Minogue, zur Bühnenshow tragen ihre Tänzer transparente Röcke mit darunter sichtbar getragenen Feinstrumpfhosen, Internetfund


Kylie Minogue in einer an die Wolford-Werbung erinnernden Pose und Aufmachung à la Helmut Newton, Coverfoto ihrer neuesten Veröffentlichung "bodylanguage" — interessanterweise zum Titel "Körpersprache" passend nur in Strumpfhose bekleidet, 2004

Gitarrist einer amerikanischen Rockgruppe in Shorts und gemusterten Feinstrumpfhosen, Internetfund

 

Diese, in Zeiten ständiger Retro-Moden wirklich einmal "neue Modeerscheinung" ist in sozial- und kulturgeschichtlicher Bedeutung spannend und interessant, zumal die Träger von Herrenfeinstrumpfhosen sich selbst als Vorreiter einer neuen Emanzipationsbewegung sehen und dies mit der Aneignung der typischen Kleidungsstücke des anderen Geschlechts auch sichtbar und öffentlich dokumentieren.

Interessanterweise scheint dabei der Strumpfhose, speziell der Feinstrumpfhose, erneut eine wichtige Rolle zugebilligt zu werden — übrigens das Kleidungsstück, das auch in der Emanzipationsbewegung der Frau mit die größte Rolle spielte und ohne die eine Mode des femininen Mini-Rocks nicht denkbar gewesen wäre.

 

Minirock-Mode mit Falke Strickstrumpfhosen, 1971

 

Bei der Emanzipation der Frau bemächtigten sich die Frauen, erstmals in den 1920er Jahren und verstärkt seit Ende der 1960er Jahre, nach und nach der typischen Kleidungsstücke des Mannes und typisch männlichen Mode-Attributen — sei es Anzug oder Krawatte.


Frau im typischen Look einer "Garçonne" mit Jackett, Krawatte, Herrenhemd und typisch männlichem Attribut, einer Tabakspfeife, 1920er Jahre.  

 

Von wesentlicher Bedeutung bei der Emanzipation der Frau war in den 1960er Jahren der Übergang von den langen Damenfeinstrümpfen zur Feinstrumpfhose gewesen. Die Strumpfhosen und Feinstrumpfhosen ermöglichten den Frauen eine bis dahin nie gekannte physische aber auch psychische Bewegungsfreiheit, was letztlich zu einem Siegeszug der Feinstrumpfhose führte.

Falke Feinstrumpfhose mit dem Slogan "Druntergucken macht nichts" — übrigens ein Werbeslogan der in den frühen 1970er Jahren in Bayern untersagt wurde  

"Es leben die femininen Frauen" — internationale Mannequins demonstrieren anlässlich einer Modewoche in Paris für eine wieblichere Mode und den Minirock, 1972  
Foto-shooting für Modeaufnahmen mit Minirock und Feinstrumpfhose, 1971 noch mit der ironischen Anspielung auf einen rocktragenden Mann, eines traditionell gekleideten Schotten

Heutzutage ist die Emanzipation der Frau so weit fortgeschritten, dass es innerhalb der Geschäftswelt zum Alltäglichen gehört, Frauen in der ursprünglich klassischen Herrenmode anzutreffen: mit Anzug und Krawatte. "Dress for Success" heißt das Motto, und gehört zum heutigen Modebild genauso wie der Minirock. Alles ist in der (Frauen)mode möglich geworden, was noch vor 100 Jahren undenkbar schien.

Die Künstlerin Veruschka von Lehndorf, in den 1960er Jahren ein Top-Foto-Modell persiflierte 1976 das Prinzip männlich-weiblich, indem sie sich in einer Performance mithilfe eines "body-paintings", der "Mimikry-body-art", als typischen "Geschäftsmann" darbot.  

Frau mit an einem Herrenschnitt orientiertem Sakko, Armani 1984/85  


Der Umkehrschluss scheint nicht ausgeschlossen, wie die Tendenzen der Modewelt in den letzten Jahren offerieren. Typisch weibliche Mode-Attribute und Accessoires gehen mehr und mehr in die Männermode über, von den immer zahlreicher werdenden Unisex-Artikeln für Mann und Frau ganz abgesehen.

Ob der französische Modedesigner Jean Paul Gaultier mit seinen Männerröcken und dazu getragenen Strumpfhosen, erstmals bereits 1986 vorgestellt, oder seiner 1987 vorgestellten sichtbar getragenen Strumpfhose in Kombination mit einer an die Mode der Renaissancezeit erinnernden Schamkapsel, sich vielleicht doch noch durchsetzen wird?


Strumpfhose mit Schamkapsel, Kreation für eine neue Männermode von Jean Paul Gaultier, 1987
Jean Paul Gaultier propagiert immer wieder den Rock für Männer und geht mit bestem Beispiel voran

Unter dem Motto "for men who dress like women who want to look like men"— was nicht treffender den gegenwärtigen Gemütszustand der Geschlechtermoden in den so genannt fortschrittlichen Staaten ironisieren mag — präsentierte Gaultier in seiner Herren-Kollektion für den Sommer 2003 erneut Herrenröcke und Shorts, zu denen, dem derzeitigen Trend entsprechend, Feinstrumpfhosen oder gar Netzstrumpfhosen vom "Herren der Schöpfung" getragen werden.

Ob die Herrenstrumpfhose als sichtbarer Bestandteil der Oberbekleidung — sei es als gestricktes Modell oder als Feinstrumpfhose — sich in diesem Jahrtausend wieder durchsetzen kann, wird die Zeit zeigen. Immerhin böte sich die Chance eines wirklich "echt neuen looks".

Eventuell kommt der Strumpfhose tatsächlich erneut die Funktion zu, sichtbarer Ausdruck einer sich vielleicht gegenwärtig neu etablierenden Geisteshaltung zu werden, sozusagen als Materialisation einer neuen Emanzipation, diesmal einer Emanzipation des Mannes?

Getreu dem Motto der Mode " round and round it always goes — and where it stops nobody knows" waren Herren-Strumpfhosen als Zeichen der Emanzipation immerhin schon im Jahr 1930 in einem Sonderdruck der "Textilwoche" in einer visionären Beurteilung der zukünftigen Männermode angedacht gewesen:

"Zukunftsaussichten"

"Vielleicht ist, wenn man sich die Entwicklung der Kleidermode ansieht, nicht einmal die Zeit mehr fern, wo der Strumpf sich in eine Art Gamaschenhose verwandelt, die in gewagtem Schnitt an die Tracht der Landsknechte erinnert. Man kann zu dieser Hypothese kommen, wenn man die Tendenz sieht, die weibliche Kleidung der männlichen anzugleichen. Beim Sport ist ja kaum noch ein Unterschied zu bemerken, aber besonders sind es doch die modischen Schöpfungen für das Haus (Pyjamas, Strandkombinationen mit glockig fallenden Hosen), die solche Gedanken aufkommen lassen. Die Entwicklung ist ja so häufig ein Gang im Kreise. In der antiken Kulturwelt ebenso wie in der Barbarenwelt der Germanen war am Anfang kein Unterschied in der Bekleidung der beiden Geschlechter. Auch bei anderen Völkern auf hoher Kulturstufe gab es am Anfang keine Unterschiede in der Tracht der Geschlechter. Bestimmt ist jedoch, daß die Strumpfmode noch viele Überraschungen bereit hält."

 

Männergeschichten um die Feinstrumpfhose