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Mann in Feinstrumpfhosen – Die Geschichte von Jochen

Als Kind haben mich die Strumpfhosen eigentlich nie interessiert, zumal man damals eh zeitweise Strumpfhosen verpaßt bekam.

 

Das erste Interesse kam erst im Teenie-Alter bei mir auf. Ich hatte mich da immer gefragt, ob sich das Gewebe genauso anfühlen würde, wie es aussah (fein, sanft, weich). Eines Tages wollte ich es wissen. Als meine Eltern eines Abends mal aus waren und ich alleine zu Hause war, „lieh“ ich mir einfach eine meiner Mutter aus und probierte diese aus. Ich war sehr überrascht, wie angenehm sie zu tragen waren. Und neidisch wurde ich auch, da wir Jungs eigentlich immer nur derbe Klamotten tragen durften, wie Frottee-Unterhosen, Grob-Feinripp teilweise sogar Woll-Unterhosen. Ich hatte echt Lust, den ganzen Bestand an Unterwäsche in die Mülltonne zu werfen.

 

Ich hatte mich aber entschlossen: Ich kaufte mir von meinem Taschengeld damals die erste Feinstrumpfhose mit 30den hautfarben, die ich fast regelmäßig unter meinen langen Hosen trug. Gerade für die Herbsttage und ersten Frühlingstage eigneten sich diese besonders - nicht zu warm und nicht zu kalt. Hinzu kam das angenehme Massagegefühl. Jedenfalls konnte ich nichts vergleichbares in der Herrenkonfektion gefunden. In dieser Art und Weise trug ich dann fast regelmäßig die Feinstrumpfhosen und das auch, als ich zur Bundeswehr ging. Und es war auch ständig mein Geheimnis. Ich konnte auch keineswegs verstehen, daß gleichwertiges nicht für das männliche Geschlecht produziert wurde.

 

Das ging eine ganze Weile so. Mittlerweile gab es besseres Material mit Lycra, das auch wesentlich angenehmer zu tragen war als die von damals. Mir kam es bald so vor, als wenn ich abhängig wurde. Ich wollte mich einfach immer nur wohlfühlen. Vor etwa 10 Jahren hatte ich dann mal einen Motorrad-Unfall wobei nach der Genesung etliche unschöne Narben meine Beine zierten. Jetzt machte ich mir Gedanken, wie ich es anstellen sollte, bei Shorts diese Unebenheiten zu verdecken und dachte mir so, daß ich ja auch die Feinstrumpfhosen frei zu den Shorts tragen könnte. Nur wie wird die Umwelt darauf rea-gieren? Irgendwo war mir das aber dann doch egal und ich wagte mich so raus ins Freie. Die Reaktionen der Umwelt waren hauptsächlich keine, aber auch einige erstaunte Blicke waren dabei, zeitweise auch etwas Getuschel. Und sehr viel kam die Meinung der weiblichen Gesellschaft: „sieht doch klasse aus, Du hast echt Mut“. Von da ab schwor ich mir, mich dafür einzu-setzen, dieses Gewebe bei den Herren gesellschaftsfähig zu machen. Im Internet wurde ich dann fündig bei Gleichgesinnten, die dezent über diese Angelegenheit diskutierten und Ratschläge verteilten. Da wurde mir auch noch empfohlen, einmal einen Herrenrock dazu zu probieren. Und siehe da, auch dieser stand mir gut, und wurde von meinen Nachbarn und Bekannten als gut aussehend befunden. Das stärkte auch enorm mein Selbstbewußtsein. Ich machte also weiter. Mittlerweile bin ich richtig fachkundig geworden (wie die meisten Strumpfhosenträger), daß Frauen sich von mir teilweise beraten lassen. Da es jetzt auch eine Riesenpalette an Herrenfeinstrumpfhosen gibt, dürfte sich nun so langsam die Entwicklung richtung Herrenmode bewegen. Die Feinstrumpfhose ist mittlerweile zu meinem Standartkleidungsstück geworden und möchte sie nicht mehr missen.

 

Das aber alles immer noch so zögernd sich entwickelt, liegt eigentlich nur daran, daß uns die Werbung von Kind auf an immer suggeriert hat, daß Feingewebe zur weiblichen Garderobe gehört. Das hat sich so tief in das Unterbewußtsein gebohrt, daß sich kaum Männer trauen, so auf die Straße zu gehen. Das ist hauptsächlich bei den männlichen Köpfen. 90% der weiblichen Bevölkerung haben aber, meiner Erfahrung nach, kaum ein Problem damit, Herren in diesen Outfit zu akzeptieren. Sie finden es teilweise sogar super sexy. Aber die Männer sagen sich: „ wenn ich so auf die Straße gehe, werde ich nur ausgelacht!“ und lassen es einfach bzw. tragen die Feinstrumpfhosen eher verdeckt. Ich bin überzeugt, daß die Dunkelziffer wesentlich höher liegt, als der bekannte Teil aus dem Internet. Wenn die Personen, die noch nicht über das Internet über den neuesten Stand informiert sind, sich auch trauen würden, dann würde auch mehr auf der Straße dieses Outfit auftauchen.

Ich bin hier aber noch guter Hoffnung und werde meinen Lebensstil so beibehalten bis ins hohe Alter.

Von mir noch ein persönlicher Gedanke: Männer, werft die Skrupel über Bord, traut Euch und helft mit, ein anderes Modeerscheinungsbild auf die Straße zu bringen. (Damit die Frauen sich auch einmal mehr umdrehen!)

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