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| Strumpfhosen - die normale Bekleidung des Mannes | ||
| Bis zum Mittelalter trugen Männer und Frauen zunächst weitgehend gleich geschnittene Kleider. Eine modische Trennung fand erst statt, als der Rock des Mannes immer kürzer, die darunter getragenen Strümpfe nicht nur länger, sondern auch sichtbar wurden. Diese zuerst genähten, später gestrickten oder gewirkten Beinlinge reichten zunächst bis zur Hüfte und wurden dann mit Bändern an der Bruch, einer Art kurzer Unterhose, befestigt. |
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Beinlinge, mit Bändern an der "Bruch" befestigt
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Beinlinge,
mit Bändern an der "Bruch" befestigt,
Photographs courtesy of Historic Enterprisesª |
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Gemälde von G. Horenboutca, um 1500
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Detail dto.: Ob unter den oberschenkellangen Röcken noch die an der Bruch befestigten Beinlinge oder bereits echte Strumpfhosen getragen werden, ist nicht sichtbar
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Später, nachdem das Obergewand immer kürzer geworden war, wurden die Beinlinge direkt am Wams "angenestelt." Bei der Verkürzung des Männer-Oberrockes zur Schecke in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts wurden die Blößen der bislang mit langen Strümpfen bedeckten Beine sichtbar, was den Unmut der Geistlichkeit auf sich zog. Aus einer Mainzer Chronik von 1367 erfahren wir, dass man den jungen Männern mit ihren viel zu kurzen Jacken beim Bücken "in den Hintern" sehen konnte. Die Stadt Konstanz erließ im Jahr 1390 eine Verordnung, dass die Männer, die Schecken tragen wollten, die Scham vorn und hinten zu bedecken hätten.
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Deutlich sichtbare Blößen zwischen Beinling und Bruch (Hose); (Bladeliner Altar, Ausschnitt, Rogier van der Weyden) Mitte 15. Jh. |
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Eine Lösung für dieses sittliche Problem wurde gefunden, indem man die ledernen oder wollenen Strümpfe zu einer eng anliegenden Strumpfhose zusammennähte, die entweder nur hinten, oder vorn und hinten ihre Nähte zeigte. Im vorderen Schambereich wurde die Strumpfhose mit einem dreieckigen Hosenlatz versehen.
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Schamkapsel, so genannte Braguette, seit der Renaissance Verschluss von Strumpfhose und Hose
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Aus den Beinlingen entwickelten sich erste Strumpfhosen, die mit einem Hosenlatz zum Verschluss versehen waren
Photographs courtesy of Historic Enterprisesª |
Detail
des dreieckigen Hosenlatzes,
Photographs courtesy of Historic Enterprisesª |
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Beliebt waren Strümpfe oder Strumpfhosen, die aus dem sehr dehnbaren, trikot-ähnlichen Scharlach gefertigt waren und in vielen bunten Farbzusammenstellungen der Phantasie freien Lauf ließen. Mit der Verfügbarkeit elastischer Gewebe war es möglich geworden, Strumpfhosen ohne den Einsatz am Hosenlatz herzustellen und diese sichtbar bis zum Bund zu tragen.
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Mit
der Verbesserung der Schnitttechnik und der Verfügbarkeit elastischer
Stoffe war die Herstellung von Strumpfhosen auch ohne Latzkonstruktion
möglich geworden, Photographs courtesy of Historic Enterprisesª
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Ohne verdeckendes Obergewand getragene Strumpfhose, Ausschnitt aus dem Herrenberger Altar, 15. Jh., Staatsgalerie Stuttgart
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Gemälde von Dirk Bouts,
15. Jh. , Staatsgalerie Stuttgart |
Dto. Ausschnitt: Deutlich sind die Strumpfhosen bei
den Figuren links im Bild erkennbar |
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Die im 14. Jahrhundert entstandene Strumpfhose blieb prägnanter und wertvoller Bestandteil der Männermode bis zum Ende des 16. Jahrhunderts und wurde sichtbar als Oberbekleidungsstück getragen. Markgraf Johann von Küstrin war 1569 über seine gestrickten seidenen Beinlinge so beglückt, daß er begeistert schrieb: "Ich habe auch seidene Strumpfhosen, aber ich trage sie nur sonn- und feiertags." Ende des 16. Jahrhunderts kamen Pluderhosen in Mode, die anfangs bis zum Oberschenkel, später bis zum Knie reichten. Zunächst wurden weiterhin Strumpfhosen darunter getragen, etwa seit 1670 aber setzte sich dann die unter dem Knie gebundene Hose durch, und somit erfolgte die erstmalige Trennung von Hose und Strumpf. |
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Strumpfhosen unter Oberschenkelhosen, so genannte spanische Heerpauken, getragen |
Spanische Mode mit kurzer Oberschenkelhose und darunter getragenen langen Seidenstrümpfen oder Strumpfhose, Mitte 16. Jh. |
Aus den Strumpfhosen entwickelte sich durch Abschneiden der Strümpfe die Trennung zwischen Hose und Strumpf, Ausschnitt Herrenberger Altar, 15. Jh., Staatsgalerie Stuttgart |
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Unter den Pluderhosen wurden weiterhin Strümpfe, zum Teil sicher auch noch Strumpfhosen getragen, Ende 16. Jh. |
Lange,
unter Oberschenkelhosen getragene Strümpfe, Ausschnitt aus einem
niederländischen Gemälde, |
Lange, unter Oberschenkelhosen getragene Strümpfe, Ausschnitt aus dem Gemälde "Kücheninterieur", W. Heimbach, um 1640 |
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Kniehosen mit darunter getragenen Strümpfen und Strumpfhosen bestimmten fortan das Modebild der Beinbekleidung, bis die französische Revolution 1789 den sichtbaren Herren-Strümpfen und Kniehosen (Culotten) ein Ende bereitete. Die revolutionären "Sansculotten" lehnten die bei den Aristokraten verbreiteten Kniehosen ab und führten als neue Mode die Langhosen mit darunter getragenen Kniestrümpfen oder Socken ein ein Einschnitt in der europäischen Mode-Geschichte, der bis heute das eher sachliche Erscheinungsbild des Mannes prägt. Der Männerstrumpf und auch die immer wieder sporadisch von Männern unter Knie- oder Langhosen getragenen "Herren-Strumpfhosen" führten seitdem ein Schattendasein.
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Unter Kniehosen getragene Seidenstrümpfe oder Strumpfhosen?, Ausschnitt aus einem Gemälde von |
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| Einige erhaltene Beispiele und Nachrichten lassen dennoch darauf schließen, dass auch unter den Hosen nicht nur Socken und Strümpfe, sondern auch Strumpfhosen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts weiter getragen wurden. |
Cremefarbene Trikotunterhose mit angearbeiteten Füßlingen, 1795 |
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| Im Jahre 1797 erschien im Journal für Fabrik, Manufaktur, Handlung und Mode die folgende Annonce: "Im September machten Waebler und Keil in Hamburg bekannt, dass sie daselbst eine Handlung etablirt haben. Sie handeln u.a. mit Englischen und Französischen feinen Bijouterien, mit Gold und Silber bordirten Damenkleidern und Tüchern, allen Arten plattirter Waaren, (...), allen Sorten Engl. Strümpfe und Strumpfhosen, Kasimir und Piquees." |
Cremefarbene Trikotunterhose mit angearbeiteten Füßlingen, 1795 |
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Auch Strumpfhosen für Herren deutscher Herstellung waren in dieser Zeit bekannt. Im Anzeiger 4 des "Berlinischen Archivs der Zeit und ihres Geschmacks" vom Oktober 1795 wurde eine große Vielfalt an Stoffen und Bekleidungsstücken, darunter auch "Seidene, halbseidene, baumwollene und wollene Strümpfe und Strumpfhosen" angeboten. |
Seidene Herrenstrumpfhose, Deutschland, 1795 |
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Obgleich es nur wenig erhaltenes Schrift- und Bildmaterial gibt, scheinen Strumpfhosen für Männer auch in der Folgezeit des Biedermeier und im 19. Jahrhundert bekannt geblieben zu sein wenn auch nur in Form langer Unter - oder Nachtwäsche und im Normalfall nicht sichtbar. |
Zweiteiliger Schlafanzug aus cremefarbenen Wolltrikot, enge Hose mit angearbeiteten Füßen, England, 1885 |
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Sichtbar getragene Strumpfhosen gab es lediglich im Ballett und bei Artisten oder bei Sportlern, etwa Ringern oder Boxern. Bei diesen künstlerisch oder jahrmarktsmäßig tätigen Männern gehörten Strumpfhosen zur Arbeits- oder "Standeskleidung". Die Herstellung der als "Tricothosen" bezeichneten Strumpfhosen wurde dabei von wenigen spezialisierten Fabriken übernommen. |
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Kostümskizzen zum Ballett "Die Pirateninsel", |
Artisten in Strumpfhosen, 1886 |
Katalog-Auszug der "Schweizerische Costumes- |
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Strumpfhosen, zentraler Bestandteil einer neuen deutschen Nationaltracht, |
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"Des Menschen Wolle ist sein Himmelreich" (Wahlspruch des G. Jäger) Ein Verfechter von Strumpfhosen als Oberbekleidung für den Mann war der Stuttgarter Arzt und Professor für Physiologie, Anthropologie und Zoologie Dr. med.et.chir. Gustav Jäger (1832-1917), der 1879 eine Kleiderreform ins Leben rief, die nur ungefärbte und in einem bestimmten Schnitt gefertigte Naturwollkleidung als gesundheitsfördernd akzeptierte. Gustav Jäger steht damit in der Reihe von Lebensreformern, die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Zuge einer allgemeinen Hygiene-, Kleidungs- und Reformbewegung einen Gegenpol zu den negativen Begleiterscheinungen der Moderne entwickelten. Dabei sollten die den Menschen von seinen natürlichen Bedürfnissen entfremdenden Einflüsse mithilfe einer Rückorientierung auf Elementares zurückgedrängt und mit Jägers Bekleidungssystem ein neues, positives Lebensgefühl erreicht werden. In Kooperation mit dem Stuttgarter Textilfabrikanten "Wilhelm Benger Söhne" kam seit 1880 die "Jägersche Normalkleidung" auf den Markt. Als neuen Anzug für den Mann nahm Jäger die "Alt -Teutsche Tracht des Mittelalters" mit Wollstrumpfhosen zum Vorbild, anstelle der von ihm geschmähten "Röhren- oder Trompetenhose". Für ihn war die Neugestaltung des Beinkleides wichtigster "Knotenpunkt der Bekleidungsreform" und wichtigster Bestandteil seines "Deutschen National-Anzugs". "Bei der Reform der Männerkleidung in gesundheitlichem Sinn spielt die Abschaffung der weiten Hose die Hauptrolle und auf sie muß die größte Energie verwendet werden. (...) Besonders wichtig ist aber auch bei der Hose die Herstellung aus Tricot oder durch Strickerei. Diese Art der Herstellung ermöglicht den Beinen eine ungehindert freie Bewegung und doch ein festes Anliegen der Kleidung am Leib, mit flotter Abgabe der Ausdünstungen durch das poröse Gewebe hindurch an die Außenluft und mit Verhinderung eines aufsteigenden Luftstroms. (...) Um zur Hose zurückzukehren, so ist das Ideal einer sanitär richtigen Hose die dem Bein ganz eng anliegende Tricothose, die mittelalterliche Ritterhose." (Gustav Jäger, 1885) Auch mit dieser Forderung eines Rückgriffs auf das Mittelalter und die Renaissance war Gustav Jäger ein Kind seiner Zeit und verwirklichte auf seine Art die damalige Zeitströmung des Historismus, der sich nicht nur in der Architektur der Zeit, sondern auch in den Ende des 19. Jahrhunderts in vielen Orten entstandenen historischen Spielen, Aufzügen und Aufführungen niederschlug. Strumpfhosen wurden in der Zeit nach 1880 zum unentbehrlichen Requisit bei Männerkostümen für Historische Spiele, die bis zum heutigen Tag nichts an ihrer Attraktivität eingebüßt haben. |
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Prof. Dr. Gustav Jäger, in seinem von ihm propagierten |
Der "Deutsche National-Anzug" des Prof. Dr. Gustav Jäger, |
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"Ist es nicht eine Schmach, insbesondere für uns Deutsche, daß wir unsere herrliche altdeutsche Tracht dem von den Narrenköpfen der französischen Revolution erfundenen Sanscülottismus geopfert haben?" (G.Jäger 1882) |
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Die Hose, die aus Schaf- oder Kamelwolle porös gefertigt, am besten gestrickt oder gewirkt sein sollte, musste einen enganliegenden Schnitt haben, damit es keinerlei Luftbewegung zwischen Körper und Hose gibt und keine kalte Luft von unten am Körper emporsteigen kann. Die sich daraus ergebende Forderung Gustav Jägers, fortan Strumpfhosen statt Herrenhosen zu tragen kollidierte jedoch mit der gängigen Mode völlig und konnte sich nur bei Anhängern seines "Wollregimes", den inzwischen in Vereinen organisierten "Jaegerianern", durchsetzen. So berichtet etwa der Vorsitzende des Dresdner Vereins 1884: "Der Bann ist gebrochen! Die Beinbekleidungsreform hat auch in Dresden begonnen! Seit dem 1. Juli d.J. gehe ich muthig und dreist, ja mit einer guten Portion von Stolz unter die hunderthe von bedauernswerthen Gaffern hinein, mit enganliegenden Tricothosen bekleidet, den Kopf mit breitkrämpigen Hute bedeckt, die Brust mit der goldbefranzten Kravatte geschmückt." |
Einer der wenig auffindbaren Belege für die Verbreitung der Jäger-Normalkleidung, der Mössinger Pfarrer Wilhelm Claus, |
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Darüber hinaus empfahl Gustav Jäger für Damen, Herren und Kinder als Schlafbekleidung sogenannte "Fußhosen" (Strumpfhosen) aus Wolle und war, soweit bekannt, der erste Hersteller von anatomisch gefertigten linken und rechten 5-Zehensocken und -Strümpfen. Diese Artikel schienen einen grösseren Absatz gefunden zu haben sie wurden im Gegensatz zu den zum "National-Anzug" gehörigen Tricothosen nicht öffentlich gezeigt. |
Anzeige für "5-Zehenstrümpfe" und "Fußhosen" für Herren und Damen als Nachtbekleidung aus der zwischen 1891 und 1908 von G. Jäger herausgegebenen Monatsschrift |
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Die Herrenstrumpfhose des Gustav Jäger konnte sich in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts trotz Webung und Vereinen nicht durchsetzen. Als übliche Form der Unterbekleidung blieben dem Mann also weiterhin die erst im 19. Jahrhundert durch das preussische Militär eingeführten langen Unterhosen, wenn sie auch oftmals als eine lächerliche Form der Beinbekleidung galten. 1929 vermerkt ein Arzt dazu: "Noch immer trägt der Mann sein unpraktisches und unhygienisches Leinenhemd und die doch wirklich lächerlich wirkende lange Unterhose. Im Sommer aus Leinwand, im Winter aus Wolle oder gefüttert." |
Die typische Form der männlichen Unterkleidung, lange Unterhosen 1908, 1912 und 1915, unten um 1930 |