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1959 - Forderungen nach Strumpfhosen auch für Herren

Mit der industriellen Groß-Produktion von Helanca-Strumpfhosen für Damen und Kinder begannen erste Überlegungen zur Einführung dieses praktischen Bekleidungsstückes auch für Herren. Im Juli 1959 heißt es:

"Das überraschend gute Geschäft in Strumpfhosen, das bereits jetzt in einigen Fällen zu ernsten Lieferschwierigkeiten geführt hat, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Markt für die Strumpfhose noch nicht erobert ist. Wenn aber einmal mit der Propagierung eines neuen Kleidungsstückes begonnen wird, dann muß man auch alle Register ziehen.

Wir möchten deshalb anregen, daß neben den Damen und Kindern auch die Herren zu ihrem Recht kommen.

"Wir fordern deshalb die Strumpfhose für Herren"

Wohlgemerkt, keine Rückkehr zur Kleidermode des Mittelalters, obwohl diese Belebung des Straßenbildes für Verschiedene eine willkommene Abwechslung im Alltag der Herrenmode sein dürfte. Aber Scherz beiseite: Es fehlt zwar nicht an Unterbekleidung für die verschiedensten Zwecke, aber man könnte sich vorstellen, daß die elastische Strumpfhose für zahlreiche Sportarten im Winter eine ideale Bekleidung darstellt. Wir denken hier in erster Linie an Ski und Eislauf, bei denen die Strumpfhosen besonders durch ihre Elastizität, die ja auch in der Oberbekleidung bei diesen Sportarten eine entscheidende Rolle spielt, als ideal angesprochen werden dürfte. Dies wäre allerdings auch zugleich das wichtigste Einsatzgebiet, wenn man von einigen Sonderheiten wie z.B. Trikots für Trapezkünstler absieht." (1959)

1958 - 1962 — Erste Hersteller von Herrenstrumpfhosen

Vermutlich wurde die erste industriell hergestellte Herrenstrumpfhose der Nachkriegszeit im Jahr 1958 von der Firma Elza GmbH, Neuburg/Donau, hergestellt. In einer Notiz heißt es über das Angebot der Firma: "Strumpfhosen aus Strumpftrikot für Damen, Herren und Kinder".

Als weiterer Hersteller ist 1959 die Wuppertaler Strumpffabrik Mahelma fassbar, deren Chef Helmut Krippl in der Zeitschrift "strumpf & socke" 1959 vermerkt: "Für die Herren habe der Artikel in den richtigen Stärken besonders für den sportlichen Bereich Chancen. Bei Ski- und Eislauf seien die Strumpfhosen mit entsprechendem qualitativem Standard ausgezeichnet einzuführen."

Im gleichen Jahr boten auch die Firmen Uhlmann in Lippstadt/Westf unter der Marke "Uhli" und die in Immenstadt im Allgäu ansässige Firma Kunert als Neuheiten Helanca-Herrenstrumpfhosen an. Die ersten Artikel wurden, wie die langen Damenstrümpfe und die ersten Damenstrumpfhosen, noch auf Cotton-Maschinen hergestellt, so dass auf der Rückseite des Beines eine Naht verlief. Erst ab etwa 1960/61 begann auch die Herstellung nahtloser Strumpfhosen auch auf Rundstrickmaschinen.

Verpackung der ersten
Kunert-Herrenstrumpfhose,
1959

Herren-Strumpfhose aus Helanca der
Kunert-Werke GmbH, Immenstadt/Allgäu, 1959

Detail der rückwärtigen Naht der auf
Cotton-Maschinen gefertigten
Kunert- Herrenstrumpfhose

Sohlenlüftung der Kunert- "Herren-Strumpfhosen, glatt,
mit Netzriegel und Deckverschluß, Sohlenlüftung,
in den Hauptfarben: Marine, Schwarz aus Helanca 90/2fach", 1959

Händlerpreisliste für Uhli-Helanca-Strumpfhosen,
darunter auch die erste Uhli-Herrenstrumpfhose,
1961

Blickdichte Helanca-Herrenstrumpfhose mit Schlitz der Marke "Uhli",
Firma Uhlmann, Lippstadt, Westf., 1960/61

Rückwärtige Naht der Uhli-Herrenstrumpfhose, 1960/61

Die Erwartungen an die Absatzmöglichkeiten von Herrenstrumpfhosen waren zunächst sehr positiv:

"Auf dem Motorrad, beim Wintersport, vielleicht auch auf dem Campingplatz zu vorgerückter Jahreszeit und möglicherweise auch als Unterkleidung des Soldaten könnten sich Ansatzpunkte für eine Bedarfsweckung bezüglich der Herren-Strumpfhose ergeben." (1960)

"Durch die großen Verkaufserfolge bei Damen- und Kinderstrumpfhosen lag es auf der Hand, daß man sich beizeiten überlegte, ob man nicht auch auf dem Gebiete der Herrenbekleidung etwas Ähnliches schaffen und mit Erfolg kreieren könnte.

In mehreren Kollektionen, die die Strumpfindustrie für Herbst und Winter 1960 vorlegt, ist ein strumpfhosenartiges Bekleidungsstück für Herren enthalten. Manche Fabrikanten ventilieren noch die Frage, ob und in welcher Form man einen solchen Artikel aufnehmen soll. Nach zahlreichen Gesprächen mit Einzelhandelskunden neigt man in der Industrie zu der Auffassung, daß die Strumpfhose für Herren ihr aussichtsreiches Anwendungsgebiet dort hat, wo man daraus eine Unterziehhose (mit Schlitz) macht, die mit Füßen gearbeitet ist, die aber ebenso ohne Füße hergestellt werden kann. Gute Waschbarkeit, bequemes Tragen und eine Abkehr von den "Unaussprechlichen", die den Mann in Unterhosen zur Witzfigur werden ließen, gelten als die stärksten Argumente für die strumpfhosenartige Unterziehhose aus Helanca.

Soweit dieser Artikel von den Strumpffabriken in den Kollektionen bereits mitgeführt und für den Herbst vorgelegt wird, hört man über ein durchaus vorhandenes Interesse der Einzelhandelskundschaft. In überwiegendem Maße fühlt sich für den Einkauf die Herrenstrumpf-Abteilung zuständig. Erst die Zukunft wird lehren, ob in dieser Abteilung die von der Strumpfhose abgeleitete Herren-Unterziehhose im Strumpflager richtig untergebracht ist oder ob nicht das Herren-Wäschelager mindestens ebenso prädestiniert dafür wäre, diese Alternativ-Lösung zur Unterhose zu führen." (1960)

"Auch die Herrenstrumpfhose hat in vielen Kollektionen ihren Platz gefunden. Sie dürfte gerade in der kälteren Jahreszeit eine starke Konkurrenz für die lange Unterhose werden, die besonders von den jüngeren Semestern als unsportlich abgelehnt wird." (1960)

"Nun auch Herren-Strumpfhosen"

"Für Herbst und Winter werden dem Einzelhandel von einigen Strumpffabriken Herrenstrumpfhosen vorgelegt. Vorzugsweise ist dabei an die Herrenstrumpfhose als Unterziehhose gedacht.

Die Strumpfhose als Unterziehhose mit verdecktem Schlitz kann sowohl mit als auch ohne Füßlinge gearbeitet werden. Beide Formen werden ihre Anhänger finden. Unsere Abbildung zeigt ein Modell der Berliner Wappenstrumpf-Fabrik, die außer der gezeigten Form auch ein Modell ohne Füßlinge anbietet.

Ersten Informationen zufolge zeigt der Einzelhandel an der Strumpfhose als Unterziehhose für Herren reges Interesse. Es sieht so aus, als ob mit der Strumpfhose für Herren das Sortiment der Strumpfabteilung um einen umsatzfördernden Artikel erweitert werden kann.

In Fachgesprächen ist inzwischen auch die Frage aufgetaucht, ob die Herrenstrumpfhose als Unterziehhose besser in der Strumpf- oder in der Unterwäsche-Abteilung angeboten werden soll.

Erfahrungen darüber, wo sich dieser Artikel am besten verkauft, liegen naturgemäß noch nicht vor. Es wird Aufgabe aller an einem geschäftlichen Erfolg interessierten Kreise sein, sich auch darüber Gedanken zu machen, um diesem neuen Bekleidungsstück zu einem optimalen Verkaufserfolg in der nächsten Herbst- und Wintersaison zu verhelfen.

Warum sollen der Herrenstrumpfhose weniger Erfolgschancen beschieden sein als der Damenstrumpfhose, die im vergangenen Herbst und Winter absoluter Favorit gewesen ist?" (1960)

 

"Er - sie - es - beschwingt und chic in Strumpfhosen"

"Die Strumpfhose ist ein Teil der Strumpfgarderobe für unendlich viele Gelegenheiten und für jede Jahreszeit. Im Frühjahr zum Beispiel sind Mutter und Kind stets wohl versorgt, wenn sie morgens und abends die Strumpfhose über Söckchen oder Feinstrumpf tragen. Kommt mittags die Sonne heraus, so schlüpft man ebenso schnell aus der Strumpfhose. Im Sommer ist sie unentbehrlich zum Sport, Camping und am Abend im Garten, auf dem Balkon oder der Terrasse. Der Herbst ist ohne sie nicht mehr zu denken, und steht nun der Winter vor der Tür, so darf sie in keinem Schaufenster fehlen und muß wohlsortiert in allen Größen und Farben am Lager sein.

Inzwischen wurde auch für den Herrn die Strumpfhose geschaffen. Bei richtiger werblicher Herausstellung könnte sie im Herbst und Winter zum Favoriten der Strumpfabteilung werden. Berücksichtigen wir noch, daß die Strumpfhose dank ihrer zahlreichen Verwendungsmöglichkeiten sehr geeignet ist, amüsante und attraktive Blickfänge im Schaufenster zu schaffen, die jedes Strumpf-Spezialfenster auflockern können, so steht nun nichts mehr im Wege, mit Schwung an die Werbung für diesen Artikel heranzugehen.

"Er", auf dem Bilde rechts, trägt eine Herren-Strumpfhose der Wiesbadener Strumpffabrik oHG, Wiesbaden-Erbenheim, aus Helanca 90/2 den in undurchsichtiger Qualität. Die Strumpfhose hat ein verstärktes Vorderteil mit Reißverschluß, einen durchgehenden Bund und ist durch Knopfloch-Gummi in der Taille verstellbar. Ferse, Sohle und Spitze sind extra verstärkt. Sie ist in vier Farben, die auf die Oberbekleidung und Socken modisch abgestimmt sind, lieferbar.

"Sie" und "es"" tragen Strumpfhosen der SILKONA-Strumpffabrik GmbH., Pforzheim. Es handelt sich um eine laufmaschenfeste Ware, die durch ihre Wirkart aus dem allgemeinen Angebot von Strumpfhosen herausfällt. Die Hosen sind regulär gewirkt, im Zwickel verstärkt und haben eine vorzügliche Paßform. Als Material wird Helanca verwendet, und obwohl die Strumpfhosen sehr leicht und angenehm im Tragen sind, decken sie doch sehr gut ab. Sie sind für Kinder in den Größen 6, 9 und 12 und für Damen in den Größen 1, 2 und 3 lieferbar. Für Damen werden die Farben Mode, Flaschengrün und Marine, für Kinder Mode, Kornblumenblau und Grün bevorzugt." (1961)

Weitere Hersteller folgten mit der Fertigung von Herrenstrumpfhosen, etwa einer "Herren-Strumpfhose mit u. ohne Fuß zum Einkaufspreis von DM 9,60, die von der Berliner Wappenstrumpf-Fabrik GmbH ab April 1960 unter dem namen "lopps" angeboten wurde. (1960)

Aus dem "Einkaufsberater für Feinstrümpfe und gestrickte Strümpfe" in der Zeitschrift "strumpf & socke" sind als weitere Hersteller von Herrenstrumpfhosen im Jahr 1960 fassbar:

Die Wiesbadener Strumpffabrik oHG, Wiesbaden-Erbenheim mit einer Herren-Strumpfhose aus Helanca mit Reißverschluß.

Die Firma Veltins, Wiethoff & Co., Schmallenberg/Sauerland, die "... Strumpfhosen für Kinder, Teenager, Damen und Herren" anbot.

Der Strickstrumpfhersteller Zwingenberger im Donautal KG., Mühlheim b. Tuttlingen.

Ein von der Firma Kunert im Jahr 1959 in Auftrag gegebenes Gutachten brachte jedoch deutlich zum Ausdruck, dass die Einführung der Herrenstrumpfhose noch zu verfrüht war, die Männer in den späten 1950er Jahren Strumpfhosen alles andere als ein "männliches" Bekleidungsstück betrachteten: In einer psychologischen Studie vom Juni 1959 heißt es über die "Einstellung zu Herrenstrumpfhosen":

"Eine Strumpfhose, die quasi sowohl den Strumpf als auch die lange Unterhose ersetzen soll , wird fast ausnahmslos abgelehnt. Ein solches Bekleidungsstück wirkt auf die meisten Männer ausgesprochen abstoßend. Die Assoziationen dazu reichen von "Eintänzer", "Angeber", "Liebestöter", "großväterliches Attribut" bis zu "Strampelhosen für Babies"; allen diesen Gedankenvorstellungen ist die Anmutung des Unmännlichen gemeinsam. Interessanterweise treten deutlich Befürchtungen hervor, daß andere Personen beobachten könnten, daß man ein solches Bekleidungsstück trägt, was den Männern ausgesprochen unangenehm wäre. ("Die Nachbarn könnten das Ding auf der Leine hängen sehen!" "Stellen Sie sich einmal vor, ich hätte einen Autounfall und würde mit einer solchen Strumpfhose ins Krankenhaus eingeliefert!")

Die Herrenstrumpfhose wird nicht nur als anrüchig und unästhetisch empfunden, sondern man hat auch starke Einwände gegenüber ihrer praktischen Verwendbarkeit. So meint man, daß der Strumpf ja viel schneller entzwei gehen wird als die Hose, und dazu wäre ein solches Bekleidungsstück ja wohl doch zu teuer (man schätzt eine Herrenstrumpfhose aus HELANCA durchschnittlich auf 12,- bis 20,- DM). Auch müßte man die Strümpfe ja viel häufiger waschen als die Unterhose, was als störend empfunden wird, zumal man dann ja über einen großen Vorrat an Strumpfhosen verfügen müßte. Auch ist das Anziehen der Strumpfhose wahrscheinlich recht umständlich ("Ich bin ja froh, wenn ich in meinen langen Unterhosen drin bin!"), da man zugleich auch auf den Sitz des unteren Beinteils achten muß.

Fast alle Männer sehen keinerlei Vorteile in einer solchen Strumpfhose. Ganz selten wurde geäußert, daß dieses Bekleidungsstück einen guten Kälteschutz bietet, und daß man dadurch nackte Beinpartien vermeidet.

Auch wenn es eine Herrenstrumpfhose ohne den Fußteil gäbe, so wäre, nach den bisherigen Ergebnissen, die Einstellung hierzu dennoch kaum positiver. Denn dann verlangt man von ihr alles das zusätzlich, was man von einer Unterhose erwarten kann: Sie muß kochbar sein, sie muß luftdurchlässig sein und darf nicht zu eng an der Haut haften. Außerdem würde man erwarten, daß eine solche Hose ebenfalls weiß ist und daß es so etwas als Verbesserung der bisherigen Unterhose geben könnte, kann man sich kaum vorstellen.

Schließlich ist die Feststellung ganz interessant, daß ein beachtlicher Teil von Männern niemals eine lange Unterhose trägt, also auch gar kein Bedarf an einem ähnlichen Bekleidungsstück vorhanden wäre bei dieser Gruppe."

Die Herrenstrumpfhose konnte sich noch nicht durchsetzen. Wie die meisten anderen Hersteller stellte auch KUNERT die Produktion nach 2 Jahren wieder ein, selbst im Sportbereich fand sie noch zu wenig Anhänger. Ein letztes Angebot der Kunert-Herrenstrumpfhose findet sich im Katalog Sport-Beck 1962/63:

"Herren-Helanca-Strumpfhose" (Kunert). Sehr elastisch, feine Naht, überlappter Schlitz. Beste Qualität und Verarbeitung. Marine, schwarz"

 

Wiedereinführung der Herrenstrumpfhose