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Die 1970er Jahre - Herrenstrumpfhosen setzen sich durch

Gute Chancen werden der Herrensportstrumpfhose vorausgesagt. Wenn ihr Umsatzvolumen vorerst auch noch in den Kinderschuhen steckt, so spekuliert der Strickstrumpfhersteller-Optimismus doch auf einen Abschied sportlicher junger Herren, auch der Kurzsocken-Fans, von Opas Lang-Unterhose. Von Skisportenthusiasten ganz abgesehen." (1970)

Mit dem zunehmenden Trend zur Herrenstrumpfhose begannen auch klassische Wäscheproduzenten mit der Herstellung von Herrenstrumpfhosen, etwa der österreichische Wäschehersteller Huber, Packung 1970er Jahre

Umgekehrt begannen traditionelle Strumpfhersteller sich an den Formen der Wäschehersteller zu orientieren und brachten erste "Fesselhosen für Herren" oder so genannte Strumpfhosen ohne Fuß — eigentlich eine unlogische Wortkombination — auf den Markt.

Herren -"Fesselhose" der Firma Trumpf, 1973

Dto. , Detail

"Für die Herrenstrumpfhose wird sehr viel mehr Nachfrage erwartet. Deshalb wird hier die Angebotsskala wesentlich weiter ausgelegt. Das erfordert ein Mitziehen des Fachhandels, der den Verbraucher sehr zielbewußt auf die vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten der Strumpfhosen hinweisen müßte. Hier gilt es einmal, die entsprechenden Zielgruppen anzusprechen wie Jäger, Reiter, Skifahrer, Campingfreunde, aber auch auf die Bequemlichkeit dieses Kleidungsstückes als Homewear hinzuweisen. Nicht zu vergessen sind die klassisch gemusterten Strumpfhosen für den konservativen älteren Herrn, der die Bequemlichkeit der Strumpfhose den Problemen der Kombination langer Unterhose, kurzer Socken damit entgehen kann. Neu sind Strumpfhosen ohne Fuß mit Steg, zu kombinieren mit passenden Socken." (1971)

In der Fach-Zeitschrift "Markt Intern" vom 25. Februar 1971 wurden Stimmen zu dem neuen Beinbekleidungsartikel unter dem Slogan "Neue Ware in der Diskussion — Strumpfhosen für Männer? — Zum Sport — oder für die Straße / Was Kollegen meinen" gesammelt

"Noch in diesem Jahr können Männer zu Strumpfhosen-Fans werden", so hieß es in einem Tendenzartikel über die Strumpfmode Herbst/Winter 1970/71. (in der TW 7 vom 12. Februar.) Freilich: Finden sich auch im Handel Fans für Herrenstrumpfhosen? Und wenn ja — wie haben Sie disponiert? Hier ein Stimmungsbild aus Industrie und Handel:

Das meint die Industrie:

Elbeo, Augsburg: Wir sind außerordentlich überrascht, wie die seit Jahren geführte Strumpfhose für Herbst/Winter 70/71 eingeschlagen hat. Der Anteil im Strumpfprogramm ist zwar noch gering, aber es ist ein Artikel mit Zukunft. Für die Saison 71/72 denken wir an die Ausweitung der Produktion. Der Anstoß kam hauptsächlich vom Handel. Sportgeschäfte sind bei uns mengenmäßig noch am stärksten vertreten.

Trumpf-Strumpffabriken, Hoheneiche: Im Vorjahr hatten wir viel zu wenig, dieses Jahr haben wir bereits zehnmal mehr verkauft. In unsere Schwerpunkwerbung ist die Strumpfhose mit einbezogen. An einem Aufsteller wird gerade gebastelt. Übrigens kein Verband, kein Konzern ist an ihr vorbeigegangen. Sie ist aus dem Angebot nicht mehr wegzudenken. Wer daran vorbeigeht, verpaßt ein Geschäft — zumal es interessante Preislagen sind. Wir bauen das Programm auf jeden Fall aus..."

Aufsteller für die Herren-Strickstrumpfhose der Firma Trumpf, 1972

Etikett für Trumpf Herrenstrumpfhose, 1972

Werbeanzeige für ELBEO Herrenstrumpfhosen und deren Einsatzmöglichkeiten, 1971

Und so urteilt der Handel:

Ortlepp, Hamburg: Die Nachfrage steigt von Jahr zu Jahr. Einen Bedarf können wir bisher nur bei Sportbekleidung feststellen. Der Mann auf der Straße scheint uns nicht reif dafür. Gegenüber den langen Unterhosen gewinnen Strumpfhosen für den Sport laufend an Bedeutung.

Kaufhof, Köln : Die Herrenstrumpfhose ist nicht nur Sport- sondern auch Freizeitkleidung. Aufgrund der guten Verkaufsergebnisse und persönlichen Erfahrungen sind wir von diesem Bekleidungsstück überzeugt und haben uns mächtig engagiert.

Dienz, Koblenz: Zum Herbst werden wir erstmals Strumpfhosen ordern. Es ist kein Mengenartikel, aber wir werden gut durchsortieren. In den Farben setzen wir auf Schwarz, Blau, Rot, Beige. Die Preislage um 24,50 DM., scheint uns am interessantesten zu sein. Unsere Prognose: 75 vH werden von Sportlern und 25 vH vom Mann auf der Straße gekauft.

Michels Frankfurt: Wollstrumpfhosen laufen bis uns ganz beachtlich. Man kann von regem Interesse sprechen. Vielfach werden sie von Ehefrauen gekauft. Nach unseren Erfahrungen sind es speziell Sportler, die nach der Strumpfhose greifen.

annas men shop, Frankfurt: In men- und twen shops wird die Strumpfhose kaum Anklang finden. Wir haben sie nicht geordert, da sie modisch für unsere Kundschaft nichts bringt. Für das Sportgeschäft gelten da andere Gesichtspunkte.

Uhrig, Worms: Im HAKA-Fachgeschäft wird die Strumpfhose noch eine stiefmütterliche Rolle spielen. Wäsche- und Sportgeschäfte müssen hier die Pioniere sein. Unsere modisch bewußte Kundschaft zwischen 16 und 45 lehnt durchweg lange Unterhosen ab. Der Strumpfhose wird es derzeit ähnlich gehen. Wir werden aber einige Teile ordern, um dabei zu sein.

Breuninger, Stuttgart: Im vergangenen Jahr haben wir Herrenstrumpfhosen bis auf das letzte Stück verkauft. Dieses Jahr werden wir mindestens die doppelte Menge bestellen. Man muß die Idee "Socke und Hose in einem" verkaufen und die Hose als markant männlich herausstellen. Etwas grobere Qualitäten werden bevorzugt. Auch der Mann auf der Straße wird sich überzeugen lassen. Feminin dürfen sie nicht wirken.

Herren-Strumpfhose mit Reißverschluss und bis zum Knie gemustertem Jacquardeinsatz, produziert von dem Calwer Strickstrumpfhersteller Nickel für die Firma Breuninger, 1970er Jahre

Beck-Feldmeier, München: Die Nachfrage nach Herrenstrumpfhosen ist fühlbar stärker geworden. Wir führen das auch auf unsere Katalogwerbung zurück. In erster Linie sind es Sportler, die sich Strumpfhosen anstelle der langen Unterhosen zulegen. Grobe gestrickte Hosen bieten mehr Wärme und finden durch weniger feminines Aussehen stärkeren Zuspruch. Der Umsatz läßt sich in Zukunft bestimmt noch steigern.

Grobe Herren-Strickstrumpfhose mit seitlichem Zopfmuster der Firma Falke, um 1973

Auch das gibt es!

Ort der Handlung: ein großes Bekleidungshaus in einer Großstadt. Der Einkäufer für Herrenstrümpfe war bei Fabrikantenbesuchen. Sein Kollege aus der Damenstrumpf-Abteilung vertrat ihn "würdig" und es sprudelte nur so aus ihm heraus: Herrenstrumpfhosen haben wir keine und trotzdem führen wir sie. Was glauben Sie warum bei mir die großen Größen so gut gehen? Ehefrauen kaufen sie bei Damenstrumpfhosen für ihre Männer. Mein Kollege sträubt sich, Herrenstrumpfhosen aufzunehmen. Soll ich mir den Umsatz wegnehmen lassen?

Auch so verliefen die Gespräche: Strumpfhosen für Männer? Das ist doch ein Witz! Noch nie davon gehört."

Zwar wurde niemals viel Werbung für Herrenstrumpfhosen seitens der Strumpfhersteller gemacht, dennoch fand eine allgemeine Verbreitung des in weiten Käuferschichten nach wie vor unbekannten Artikels vor allem durch die Angebote in den Versandhauskatalogen statt.

Bei der Herstellung der Herrenstrumpfhosen war seit etwa 1972 der zunehmende Einsatz von Naturgarnen wie Wolle oder Baumwolle bemerkbar, einerseits bedingt durch die immense Verteuerung der synthetischen Garne in Folge der Erdölkrise, andererseits durch die vermehrten hygienischen Probleme, die die aus 100% Synthetik hergestellten Strümpfe und Strumpfhosen in Bezug auf Fußschweiß und dem damit bereiteten Nährboden für Fußpilz verursachten. Übrigens ein Umstand, der seit der zweiten Hälfte der 1960er Jahre zu abenteuerlichen Garnausrüstungen wie Hygitex und Wirkstoff R 52 geführt hatte und einen weiteren Boom bei der Herstellung von Herrenstrumpfhosen ohne Fuß auslöste, zu denen etwa kochfeste Socken getragen werden konnten.

In Kollektionen fand sich dieser Niederschlag etwa beim klassischen Acrylgarn-Hersteller und -Verarbeiter Ergee, der Strümpfe und Strumpfhosen bislang ausschließlich aus vollsynthetischem Garn hergestellt hatte, im Jahr 1973: "Neu bei Herrenstrumpfhosen eine "Ergolan mit Schurwolle"-Hose mit Reißverschluß." (1973)

Bei nahezu allen Herstellern begann die erste "Naturwelle" zu greifen, etwa auch 1973 bei der Firma Kunert: "Ebenfalls neu sind zwei Herrenstrumpfhosen aus Wolle/Dralon mit verdecktem Reißverschluß in drei Größen."

(1973)

Grobe Herren-Strickstrumpfhose der Marke Jura, als Material wurde Schurwolle mit Polyamid verwendet, darüber hinaus war das Garn mit einer Sanitized-Ausrüstung versehen

Dto., Detail

Grobgestrickte Herren-Strumpfhose aus Schurwolle mit Dralon, um 1974

Grobgestrickte Herren-Strumpfhose für Jäger, 70% Wolle, polyamidverstärkt, um 1975

Mittlerweile war der Herrenstrumpfhose durch moderne und besser sitzende Winterunterwäsche eine neue Konkurrenz erwachsen, die die zunächst viel versprechenden Umsatzerwartungen der Strumpfbranche dämpfte. 1974 heißt es:

"Von der Herrenstrumpfhose erwartet man sich nur eine Umsatzentwicklung der kleinen Schritte. Acryl- und Dralon/Woll-Qualitäten werden mit neuen angenehmen Trageeigenschaften ausgestattet. Mit leichteren und kräftigeren Ausführungen hofft man, einen möglichst großen Kreis fortschrittlicher Verbraucher einschließlich Sportler, Jäger, Forstleute usw. zu erfasssen."

(aus: TM 18, 8./9. Februar 1974)

Werbung der Firma Götzburg, ein traditioneller Wäsche-Hersteller, der von 1964 bis 1980 auch Strickstrümpfe, in den 1970er Jahren auch Strumpfhosen herstellte und beide Sparten bewarb

Dreiviertellange Götzburg-Unterhose, Götzburg-Strümpfe, um 1975

Die Strumpfhersteller konterten beim Run um die Umsätze durch ein größeres Angebot an "Herrenstrumpfhosen ohne Fuß", deren Vorteil in der Webung mit der beliebigen Kombinierbarkeit mit Socken herausgestrichen wurde oder einfach dadurch , "daß Mutti im Ski-Urlaub nur noch Socken zu waschen hatte".

In einer Neuvorstellung von Produkten der Firma Falke heißt es 1973: "Neu bei Strumpfhosen ist eine Hose ohne Fuß, die beliebig mit Kurzsocken kombiniert werden kann."

Falke Herren-Strumpfhose ohne Fuß, 1973

Produktionsrückgang