Zur Geschichte der Strumpfhersteller
     
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Die Anfänge der handwerklich-gewerblichen Strick- und Wirkwarenherstellung liegen in Deutschland im späten Mittelalter. Damals schlossen sich genossenschaftliche Gilden zusammen, deren Bestreben es war, gemeinsam größere Garnmengen einzukaufen, um die Ware miteinander färben und danach billiger verkaufen zu können.
Vom 16. Jahrhundert an bildeten sich, wie bei den anderen Handwerkern, die Zünfte. Die erste bekannt gewordene Strickergilde wurde am 16. August 1527 in Paris gegründet. Das Stricken wurde zu einer vorwiegend männlichen Beschäftigung.

 
Darstellung der "Lismer" - wie die Strumpfstricker seit dem späten Mittelalter in Deutschland genannt wurden
Die deutschen Stricker gründeten 1590 in Berlin ihre erste Zunft, - die Hosenstrickerzunft. Strümpfe und Hosen bildeten zu dieser Zeit noch eine Einheit und waren wie Strumpfhosen hergestellt. So erwähnt etwa eine Straßburger Zunftordnung der Stricker von 1535 Hosen, die ursprünglich in zwei Teilen angefertigt wurden.  
Wappen der Weber- und Wirker-Innung in Berlin.
 
Wappen eines Hosenstrickers aus den Nürnberger Handwerks -Ordnungen, um 1680
200 Jahre später, 1744, wird im Lexikon von J. H. Zedler vermerkt: "Strumpfstricker oder Paretmacher sind ein geschenktes Handwerk, welches gute Ordnungen hat und in Böhmen, Ungarn, Mähren, Österreich und Sachsen, sonderlich aber in der Oberlausitz, am stärksten getrieben wird..." Weiter heißt es: "Zum Meisterstücke muß er machen ein schönen Teppich nach der Mahlerkunst von vielen Farben durchbrochen, ferner ein Futterhemde oder Camisol, daran nichts genähet ist, ein paar feine dicke Strümpfe, ein paar Handschuhe und ein Manns- und Weiber-Paret..."  
Kupferstich zur Strumpfstrickerei in Deutschland, 1698
Mit der Verfolgung der Hugenotten nach der Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 durch Ludwig XIV. (1643-1715) wanderten aus Frankreich nahezu eine halbe Million Protestanten in die protestantischen Gegenden Deutschlands aus, darunter viele Strumpfwirker.  
Wappen der Stuttgarter Strumpfwirker, um 1750
Die französischen Emigranten brachten außer ihren Handwirkstühlen auch die neue Arbeitstechnik der Strumpfwirkerei mit.  
Wappen des Apoldaer Wirkerverbandes
Die ersten durch die Hugenotten besiedelten Gegenden lagen in Württemberg. Nach kurzer Zeit schon zählte man in Württemberg 300 Wirkstühle, an denen etwa 400 erwachsene Arbeiter und eine kleinere Anzahl Kinder Beschäftigung fanden.  
Wappen der Gelenauer Strumpfwirker-Innung, 1842

Ende des 17. Jahrhunderts verbreitete sich die Wirkerei über die Länder Württemberg, Hessen, Bayern, Thüringen, Sachsen und Brandenburg — die Strumpfwirkereien von Schwabach, Berlin und Erlangen machten sich bald bemerkbar. Erste Manufakturen wurden in Berlin und Apolda gegründet.

Zu einem der größten Zentren der Strumpfwirkerei entwickelte sich der Chemnitzer Raum.

 
Strumpfwirker-Wappen der Landauer Strumpfwirker, um 1750
Das Strumpfstrickergewerbe entwickelte sich sehr rasch, immer aber noch auf zunftmäßiger Grundlage. Es kam zu einem scharfen Konkurrenzkampf der vielen Strumpfwirker, der 1750 dazu führte, dass eine Strumpfwirkerordnung erlassen wurde. Die 3-jährige Ausbildungszeit der Lehrlinge wurde auf 4 Jahre erhöht, die Anzahl der von einem einzelnen Meister zu betreibenden Stühle setzte man auf drei für grobe Waren und einen für feine Ware fest. Hohe Anforderungen an das Meisterstück, der Wanderzwang und hohe Gebühren sollten die selbständige Ausübung des Strumpfwirkergewerbes innerhalb der Zunft erschweren.  
Kupferstich zum Handwerk des Strumpfstrickers und Strumpfwirkers, 1803
Die Strumpfwirkerordnung war der letzte Versuch, der sich anbahnenden neuen Wirtschaftsordnung von Manufaktur und Fabrik entgegenzutreten.  
Verordnung zur Kenntlichmachung von Qualitätsstrümpfen, 1769
Nach englischem Vorbild setzte sich auch in Deutschland immer mehr das Verlagssystem durch. Dabei erfolgte der Vertrieb durch einen Verleger (Großhändler), der zahlreiche Arbeiter zum Teil auf von ihm finanzierten und verliehenen Wirkstühlen, ohne die Vorschriften der Zunft beachten zu müssen, arbeiten ließ.  
Verordnung zur Kenntlichmachung von Qualitätsstrümpfen, 1769
Dennoch blieb das Zunftsystem noch bis zur Reform des Gewerberechts bestehen, mit dem auch in Deutschland die Voraussetzung zur Gründung von Manufakturen und Fabriken geschaffen wurde.  
Verordnung zur Kenntlichmachung von Qualitätsstrümpfen, 1769
Von wesentlichem Einfluss zur Einführung der Fabrik als neues Produktionssystem war die Verfügbarkeit neuer Energiequellen und neuer Maschinen. Die Nutzbarmachung der Wasserkraft durch Turbinen, die standortunabhängige Möglichkeit des Antriebs mit Hilfe der Dampfmaschine, und später der Elektromotor sowie ständig verbesserte Maschinen schufen die Voraussetzung zur Massenproduktion von Strumpfwaren.  
Dampfmaschine, Konstruktionszeichnung
Mitte 19. Jh
 
Strumpfindustriezentren bildeten sich für Strickstrümpfe in Thüringen, Baden-Württemberg und im Sauerland, die zu klassischen Herstellungsgebieten wurden.  
 
Zum Zentrum der Feinstrumpfindustrie und des dazu notwendigen Maschinenbaus wurde Sachsen, um 1900 liefen in sächsischen Betrieben knapp 10 000 Cottonmaschinen. 700 Chemnitzer Großhandelsfirmen sorgten dafür, dass der Zugang zu den Weltmärkten auch für mittlere und kleinere Hersteller möglich war.  
"Quersack-Indianer", ein Strumpfwirkermeister mit einer Tages- oder Wochenproduktion im so genannten Quersack auf dem Weg zum Verkauf an die Chemnitzer Großhändler, um 1910
Die große Zäsur kam 1914 mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs.  
Englische Strumpfpackung für seidene Damen-Feinstrümpfe, die in den zwanziger Jahren in Deutschland eingeführt wurden
Da die Strumpflieferungen aus Deutschland ausblieben, entstanden in mehreren Ländern eigene Strumpfindustrien, etwa in England und Amerika.  
Strumpfpackung für Kupferkunstseiden-Stümpfe der englischen Niederlassung der Bemberg Kunstseidenfabrik, Bobingen bei Augsburg,
1920er Jahre
Inzwischen gab es auch leistungsfähige Cottonmaschinenhersteller in den USA. Dennoch erholte sich die sächsische Strumpfindustrie bis Ende der zwanziger Jahre.  
Französische Strumpfpackung für seidene Damen-Feinstrümpfe, die in den zwanziger Jahren in Deutschland eingeführt wurden
Ein zweiter gravierender Einbruch erfolgte in den dreißiger Jahren mit der Weltwirtschaftskrise. Die Judenverfolgungen im Dritten Reich bewirkten, dass die ausländischen Großeinkäufer die Geschäftsbeziehungen zu ihren bisherigen Lieferanten abbrachen. In zehn Jahren ging die Strumpfproduktion im Chemnitzer Bezirk um ein volles Drittel zurück.  
Gelenauer Strumpfwirkerkinder, um 1930.
Der Zweite Weltkrieg, der Einmarsch der Russen, die Demontage der Betriebe, brachten das Ende der sächsischen Strumpfindustrie in ihrer privatwirtschaftlichen Struktur.  
Die Fahne der Parteiorganisation des in Volkseigentum überführten ehemaligen Textilsyndikats, Gelenau
In Ostdeutschland wurden zwischen 1945 und 1955 die meisten Betriebe der sächsischen Strumpfindustrie entschädigungslos enteignet und "volkseigen", etwa die Gelenauer Strumpf-Firma Rößler, die 1952 zum Volkseigenen Betrieb (VEB) Gelkida wurde und später dem bis zum Ende der DDR 1989 bestehenden Strumpfkombinat "Esda" -Abkürzung für Erzgebirgische Strümpfe für Damen-angehörte.  
Messe-Stand des VEB Strumpfkombinats Esda auf der Leipziger Messe, 1977
 
Enteignete Strumpffabrikanten aus Sachsen und aus dem Sudetenland gingen nach Westdeutschland, wo es bislang keine Feinstrumpfindustrie gab, - und mit ihnen viele Fachkräfte. 1946/47 wurde mit Mitteln des Marshallplans die westdeutsche Feinstrumpfindustrie aufgebaut. Die Solidarität der Einzelhändler, die Kredite für die Errichtung von Produktionsstätten gegen die Zusage späterer Belieferung zur Verfügung stellten, unterstützte den Neubeginn. Erste Maschinen wurden aus dem Ausland reimportiert, der Aufbau einer westdeutschen Strumpfmaschinenindustrie erfolgte nach der Währungsreform. Ende der fünfziger Jahre produzierten bereits 157 Betriebe in Westdeutschland Damenfeinstrümpfe.  
Plan mit den westdeutschen Strumpfherstellern, 1951
Weitere ausführliche Fakten zur Geschichte der Strumpfhersteller in Deutschland werden aus den einzelnen Firmenprofilen ersichtlich sein, die im Verlauf des weiteren Ausbaus des virtuellen Museums auf einer Standortkarte abgerufen werden können.
 

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