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1. Zur Geschichte des handgestrickten Strumpfes

   
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Für den Norden Europas wird die Entstehung der Strickkunst aus dem Knüpfen der Fischernetze, dem "Netzen", angenommen. Der bislang älteste bekannte Fund, eine Wollhaube, stammt aus einem jütländischen Moorgrab bei Borum und wird auf das 11. vorchristliche Jahrhundert datiert. Allerdings ist die Herstellung unklar, die Haube kann sowohl genetzt, gehäkelt oder gestrickt sein.

Vermutlich ist die Wiege der Strickkunst in Vorderasien zu finden. Ausgrabungen von Strickarbeiten fanden sich im syrischen Gebiet des Euphrats und stammen aus dem 2. und 3. nachchristlichen Jahrhundert. Im ägyptischen Bahnasa stieß man auf Überreste verschiedener Strickarbeiten aus dem 4. bis 6. Jahrhundert. Dabei handelt es sich um verschiedenartig gestreifte Strümpfe und Socken, bei denen zwischen der großen und der zweiten Zehe ein Zwischenraum freigelassen wurde, um die Sandalenriemen durchführen zu können.

 
Handgestrickte Socke aus einem koptischen Grab, 4. Jh. n.Chr.
In unserem Kulturkreis fand man in einem Frauengrab aus der Zeit um etwa um 300 n. Chr. in Thüringen zwei knöcherne Stricknadeln. Aus einem merowingerzeitlichen Grab um etwa 500 n. Chr. sind ebenfalls eiserne Stricknadeln bekannt  
Ältere Zweinadel-
stricktechnik
17. Jh.
Vermutlich waren die ersten Strickarbeiten in der Zweinadeltechnik ausgeführt, so dass anzunehmen ist, dass die ersten Strümpfe in Europa in Teilen gestrickt und anschließend zusammengenäht wurden. Das Rundstricken auf mehreren Nadeln erfand man erst später, vermutlich in der Schweiz oder in Italien, wo aus dem Jahr 1254 ein Paar gestrickte Seidenstrümpfe erhalten geblieben sein soll. Weitere Strickarbeiten und damit einige der wenigen Hinweise auf europäische Strickereien des 13. und 14. Jahrhunderts gibt es heute noch in der Schweiz. Es wird vermutet, dass die Araber das Stricken nach Spanien brachten, von wo es sich über den gesamten europäischen Raum verbreitete.  
Zweinadel-
stricktechnik

 

 
In Spanien ist das Handstricken im 13. Jahrhundert verbreitet, wie aufwendige handgestrickte Kissen aus Grabfunden dieser Zeitstellung belegen. Die Italiener kannten vermutlich schon im 13. Jahrhundert gestrickte Strümpfe. In Deutschland ist als erster Beleg für die Kenntnis des Handstrickens eine Darstellung auf dem von Meister Bertram Ende des 14. Jahrhunderts geschaffenen Buxtehuder Altar, auf der Maria für das Jesukind ein Kleidchen strickt. Dargestellt wird das Stricken mit 4 Nadeln. Vermutlich lernte Meister Bertram die Technik des Strickens in Italien kennen, wo er seine Ausbildung erhielt.  
Strickende Maria, Ausschnitt aus dem Buxtehuder Altar,
um 1395

 

 

In England und Frankreich ist die Herstellung von grobgestrickten Wollkappen, die anschließend gewalkt wurden, Mitte des 15. Jahrhunderts belegt. Strümpfe wurden vermutlich zu dieser Zeit noch nicht gestrickt, sondern waren nach wie vor aus gewebten elastischen Wollstoffen, etwa dem Scharlach, geschnitten und genäht.

Die Mode der Strumpfhosen, die über Spanien und Italien nach Mitteleuropa kam, verlieh dem Stricken einen beträchtlichen Aufschwung.

Als gesichert gilt, dass in der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts der handgestrickte Strumpf in Spanien hergestellt wurde und mit der Zeit die bisher aus Stoff geschnittenen, genähten und mit Füßlingen versehenen Strümpfe und Strumpfhosen verdrängte.

Von Spanien kommt die neue Kunst des Handstrickens nach England. Als erster englischer Strumpfstricker, der feine aus Wollkammgarn handgestrickte Strümpfe fertigte, wird William Rider genannt. Er soll um 1564 die anfänglich ausschließlich als männliche Beschäftigung geltende Hosenstrickerei in England eingeführt haben.

 
Strumpfhosen
Mitte 15. Jh
 
hintere Naht

 

 
Aufgrund der langwierigen und entsprechend teuren Herstellung feiner, von Hand gestrickter Strümpfe blieben die aus unterschiedlichen Stoffen oder Wolltuchen hergestellten Strümpfe noch bis Mitte des 17. Jahrhunderts die gebräuchlichste Art der Beinbekleidung, zumindest für den Großteil der Bevölkerung. Selbst König Heinrich VIII. und sein Sohn Edward VI. hatten noch Strümpfe oder Strumpfhosen, die aus Woll- oder Seidenstoffen geschnitten und genäht waren. Lediglich wenige, vermutlich aus Spanien mit beträchtlichem finanziellen Aufwand importierte handgestrickte Seidenstrümpfe ergänzten den Strumpfbestand des englischen Königshauses Mitte des 16. Jahrhunderts. Heinrich VIII. soll lediglich 6 Paar jener schwarzseidenen spanischen Langstrümpfe oder Strumpfhosen besessen haben.  
Marktbauern im Gespräch und
junges Paar
Albrecht Dürer Federzeichnung
um 1497

 

 
Selbst seine Tochter Marie I., die vermutlich über ihre Heirat mit Philipp II. von Spanien 1554 ihre eigene Quelle für gestrickte spanische Seidenstrümpfe gehabt hatte, bezog von ihrem englischen Strumpfhersteller Myles Huggarde noch im Jahr 1554 27 Paar genähte Tuchstrümpfe. Auch Elisabeth I. wurde noch bis 1577 mit jährlich 20 Paar Tuchstrümpfen beliefert.  

 

 

Starke Verbreitung erfährt die Handstrickerei von Strümpfen unter Königin Elisabeth I., die 1561 ihre ersten handgestrickten seidenen Strümpfe erhalten hatte. Im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts läßt sich in England ein Aufschwung in der Handstrickerei feststellen und selbst noch in der Mitte des 17. Jahrhunderts war die Mehrzahl der Socken, Strümpfe und Strumpfhosen handgestrickt.

In der Schweiz werden 1560 erstmals nahtlose Strümpfe erwähnt, die mit 5 Nadeln gestrickt wurden.

In Deutschland kommen gestrickte Strümpfe und Strumpfhosen in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts in Gebrauch. Sie waren jedoch anfänglich so teuer und wertvoll, dass die aus Wollstoffen genähten Strümpfe und Strumpfhosen parallel dazu noch lange hergestellt wurden. Dabei trugen die meisten wollene Strümpfe, Seide war den Königen und dem Adel vorbehalten. Markgraf Johann von Küstrin war 1569 über seine gestrickten seidenen Beinlinge so beglückt, dass er begeistert schrieb: "Ich habe auch seidene Strumpfhosen, aber ich trage sie nur sonn- und feiertags".

 
   
2. Zur Erfindung und Verbreitung des Handwirkstuhls

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