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2.
Kunstseide
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Der Traum des Menschen, künstliche Fasern herstellen zu können, ist schon sehr alt. Erste theoretische Überlegungen reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück. Das Hauptaugenmerk war auf einen Ersatz für Seide gerichtet, da der zur Gattung der Schmetterlinge gehörende Seidenspinner in Europa nicht heimisch gemacht werden konnte. 1664 erfolgten erste mikroskopische Versuche, die Struktur der Seide zu erforschen, durch den Engländer Dr. Robert Hooke. 1734 vermerkte der französische Naturforscher und Physiker Réaumur, der sich ebenfalls mit der synthetischen Herstellbarkeit der Seide beschäftigte: "Seide ist nur ein flüssiger Gummi, der getrocknet wurde. Könnten wir nicht selbst Seide aus Gummi oder Harz herstellen?" 1839 gelang es dem Franzosen A. Payen erstmalig aus Holz Zellulose zu isolieren. Wichtigster nächster Schritt zur Vorraussetzung der Erzeugung künstlicher Fasern war nun, ein Verfahren zu finden, Zellulose, den Grundstoff der Pflanzenfasern, in eine verspinnbare Lösung zu bringen. 1842 zeigte Louis Schwabe in Manchester gewebte Stoffe aus Glasfäden, die durch Ausziehen einer Glasschmelze durch feinste Öffnungen gewonnen wurden - es war die erste Anwendung einer Spinndüse. |
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| Nitro-Kunstseide |
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1855 beantragte der Schweizer Audemars ein britisches Patent, in welchem erstmalig die Herstellung künstlicher Fasern aus in Alkohol und Äther gelöster Nitrozellulose beschrieben wird. Die Herstellungsweise war allerdings noch so primitiv, dass es weitere 30 Jahre dauerte, bis ein technisch brauchbares Verfahren zur Verfügung stand. 1862 schlug der Franzose M. Ozanam vor, in der Schönbeinschen Flüssigkeit Seidenabfälle, gebrauchte Naturseide und beschädigte Kokons zu lösen und daraus Stoffe zu "gießen".
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1883 entwickelte der Engländer Joseph Wilson Swan, bei der Suche nach einem leistungsfähigen Glühfaden, ein chemisches Verfahren Fäden herzustellen. Er nannte das Ergebnis "Kunstseide", die - nach dem Nitroverfahren hergestellt - Nitro-Kunstseide genannt wurde. 1890 Gründung der "Société Anonyme pour le fabrication de la soie de Chardonnet" und erste fabrikmäßige Herstellung von Nitro-Kunstseide aus Zellulose durch Graf L. M. Hilaire Bernigaud de Chardonnet im ostfranzösischen Besançon. Zunächst konnten 50 kg Kunstseide pro Tag hergestellt werden. Die seit 1899 industriell hergestellte Kupfer-Kunstseide war besser und billiger als die Nitro-Kunstseide, was 1912 zur Einstellung des Nitroverfahrens in Deutschland führte. |
Graf
L. M. Hilaire Bernigaud de Chardonnet, der erste Hersteller von Kunstseide
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| Kupfer-Kunstseide | |||
| 1857 entdeckte der deutsche Chemiker Schweizer die Voraussetzungen für das Kupfer-Kunstseideverfahren durch die Löslichkeit von Zellulose in Kupferoxyd-Ammoniak- was aber noch keine Auswirkungen auf eine industrielle Herstellung hatte. |
Gebleichte Baumwoll-Linters - die unverspinnbaren Kurzfasern der Baumwolle - Rohstoff für die Kupfer-Kunstseide |
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1892 nahmen der Chemiker Dr. Max Fremery und der Ing. Johann Urban in einem kleinen Betrieb in Oberbruch bei Aachen die Produktion von Kohlefäden für elektrische Glühlampen auf. Dabei verwendeten sie Kupferoxyd-Ammoniak zur Aufbereitung der Zelluloselösung. Bis 1899 hatten sie ihr Verfahren perfektioniert, so dass es auch zur Herstellung brauchbarer Fäden für Textilien einsetzbar war. 1899 Fremery und Urban gründeten die erste deutsche Kupferkunstseidenfabrik Vereinigte Glanzstofffabriken A.-G. in Oberbruch bei Aachen. |
Kupfer-Kunstseide und Kupferspinnfaser werden aus nach dem Nass-Spinnverfahren hergestellt. Der Rohstoff, Baumwoll- Linters, wird mit chemischen Hilfsmitteln in Lösung gebracht und durch die Löcher von Spinndüsen in ein Bad gepresst. In diesem so genannten Fällbad entstehen die Fäden, indem der feste Rohstoff im Nu in Fadenform zurückgebildet wird. |
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Spinndüse im Spinnbad zur Herstellung von Reyon oder Kupferseide |
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| 1901 begann auch die Kupfer-Kunstseidenproduktion der J. P. Bemberg A. G. in Wuppertal-Oberbarmen. Ein neues, von der Bemberg A. G. entwickeltes Streckspinnverfahren, hatte zu einem Garn geführt, welches der Feinheit der Naturseide entsprach und eine bessere Festigkeit als Viscose-Kunstseide hatte. Obwohl die Viscose-Kunstseide billiger in der Herstellung war, konnte sich die Bemberg-Kupferseide am Markt behaupten. Die von Bemberg hergestellte Kupferkunstseide hatte gegenüber der Viskosekunstseide bei der Strumpfherstellung wesentliche Vorteile: sie war feiner, hatte einen matten naturseidenähnlichen Glanz und war sehr gut färbbar. "Bemberg-Seide" wurde zum Inbegriff für Damenstrümpfe aus Kunstseide, nicht zuletzt durch die Werbekampagnen, für die bekannte deutsche Schauspielerinnen, unter anderem Marlene Dietrich, engagiert wurden. |
Damenstrümpfe aus "Bembergseide" der Bemberg Ltd., der englischen Niederlassung der Bemberg A. G., 1920er Jahre |
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Marlene Dietrich in einer Werbung für Kunstseidenstrümpfe aus "Bembergseide", 1927 |
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| Viscose-Kunstseide | |||
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1891 Entdeckung des Verfahrens zur Herstellung von
Viskose-Kunstseide durch die Engländer Charles Frederic Cross,
Edward John Bevan und Clayton Beadle. Fürst Guido Henckel v. Donnersmarck
in Neudeck (Oberschlesien) erwarb die deutschen Patente und errichtete
in Sydowsaue unter der Firma "Fürst Guido Donnersmarcksche Kunstseiden-
und Acetatwerke" eine Kunstseidenfabrik für eine tägliche
Produktion von 500 bis 600 kg Viscose-Kunstseide. Das Viscose-Verfahren
war mit der Verwendung des billigen Holzzellstoffs als Ausgangsmaterial
wirtschaftlicher als das Nitro- und Kupferverfahren, für die als
Grundstoff Baumwoll-Linters verwendet werden mussten. 1910 wurde der
Betrieb von den Vereinigten Glanzstofffabriken übernommen, die
daraufhin ihre Produktion vom Kupferverfahren zum Viscoseprozess schrittweise
umstellten. |
Zellstoffblätter, wie sie die Zellstoff-Fabriken für die Produktion seidiger und wolliger Textilfasern an die Chemiefaser-Werke liefern, 1950er Jahre |
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1905 "Vistra"-Kunstseidenpatent der Vereinigten Glanzstofffabriken A. G. 1917 Beginn der deutschen Großproduktion von Zellwolle unter dem Markennamen "Vistra" in Stettin. "Vistra" - oder Zellwolle wurde ähnlich hergestellt wie Viscose-Kunstseide und war Ersatz für Wolle. Hergestellt wurden daraus unter anderem gestrickte Herren-, Damen- und Kinderstrümpfe. 1924 Seit diesem Jahr wurden die aus Zellulose hergestellten Kunstseiden unter dem Produktnamen "Reyon" angeboten. In den frühen 1930er Jahren wurde Reyon mit Metalloxiden vermengt hergestellt, was bereits zu einem perlonähnlichen Garn führte. Staatliche Planung und Lenkung führten nach 1933 zu einer gigantischen Steigerung der Zellwollproduktion, welche in erster Linie dazu beitragen sollte, den deutschen Wirtschaftsraum von der Textilrohstoffeinfuhr unabhängig zu machen. Als Ausgangsmaterial für Kunstseide und Zellwolle diente fast ausschließlich Zellulose.
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Viskose-Kunstseide, "Reyon" genannt, und Zellwolle werden, wie Kupfer-Kunstseide im Nass-Spinnverfahren hergestellt. |
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| 1934 Ausdehnung des Vistra-Verfahrens
in Mischungen mit Naturfasern durch die Firma Agfa in Wolfen, der A. G.
für Anilinfabrikation. Neu auf den Markt gebracht wurde "Wolstra"
- ein Gemisch von Wolle und Vistra.
1938 betrug die Welterzeugung von Kunstseide ein Sechstel der Baumwollproduktion und die Hälfte der Welt-Wollerzeugung. |
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| Acetat-Kunstseide | |||
| 1865 gelang es dem deutschen Chemiker Schützenberger Zellulose zu acetylieren, wodurch die Vorraussetzungen zur Herstellung der späteren Acetat-Kunstseide geschaffen waren. |
Zelluloseacetat- und Acetat-Kunstseide werden nach dem Trockenspinnverfahren hergestellt. Die Chemiker lösen den Ausgangsstoff - Baumwoll-Linters - in leicht flüchtigen Lösungsmitteln. In ununterbrochenem Fluss wird die Lösung durch Spinndüsen in beheizte Spinnschächte gedrückt. Dort verdampft das Lösungsmittel und aus den feinen Strahlen der Spinnlösung entstehen feine seidig schimmernde Fäden. |
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1913 wurde das Verfahren zur Herstellung von Zelluloseacetat-Kunstseide
entwickelt. 1916 wurde zunächst in England von der British Cellulose
and Chemical Manufacturing Co. in Spondon mit der industriemäßigen
Herstellung begonnen.Acetat-Kunstseide wurde
auf chemischem Weg unter Verwendung von Baumwoll-Linters im Trockenspinnverfahren
gewonnen. Als hervorzuhebende Eigenschaften bringt die Acetat-Kunstseide
geringe Wasseraufnahme, leichte Waschbarkeit, gute Knitterfestigkeit,
gute Formbeständigkeit und schnelles Trocknungsvermögen mit. |
Spinndüse für die Herstellung von Acetat-Kunstseide im Trockenspinnverfahren |
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1927 erfolgte die Gründung der Deutschen Acetat-Kunstseiden A.G. "Rhodiaseta" in Freiburg/Br., der späteren Deutschen Rhodiaceta A.G., von deutschen, französischen und Schweizer Industriellen, darunter die Großindustriellen Flick und Thyssen. Hergestellt wurden Chemiefasern aus Zelluloseacetat mit dem Verfahren der französischen Société Rhodiaseta, welches in Frankreich bereits seit 1922/23 mit großem Erfolg eingesetzt wurde.
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Blick in das Werk der Deutschen Acetat-Kunstseiden AG "Rhodiaseta" in Freiburg, Halle zur Herstellung von Zelluloseacetat, 1930er Jahre |
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| Die zweite bedeutende deutsche Acetat- Kunstseidenfabrik war die Azeta, Berlin-Lichtenberg, welche gemeinschaftlich von den Vereinigten Glanzstoff- Fabriken und der I. G. Farbenindustrie Ende der 1920er Jahre gegründet worden war, 1930 vollständig in den Besitz der letzteren überging und 1945 der Demontage durch die Russen anheimfiel. |
Blick in eine Chemiefaser-Spinnerei zur Herstellung von Acetat-Kunstseide, Anfang der 1950er Jahre |
| Das Ende der Kunst-Seiden |
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Zunächst waren Kunstseiden der Wolle oder Baumwolle beigemischt oder wurde als Beilauffaden bei der Herstellung plattierter Strümpfe zur Verstärkung von Spitze und Ferse verwendet. Damen-"Feinstrümpfe" aus reiner Kunstseide waren entweder als gewirkte Nahtstrümpfe oder auch schon als rundgestrickte nahtlose Strümpfe hergestellt. Die rundgestrickten Strümpfe mussten, um die typische Beinform zu erhalten, auf Formen gezogen und gedämpft werden, wofür sich das Material besser eignete als die herkömmlichen Naturfasern. Nach einigem Tragen und Waschen verloren jedoch die Kunstseiden-Strümpfe ihre Form und bildeten Falten, vor allem im Knöchelbereich. Kunstseide war darüber hinaus brüchig, wenn sie nass war. Nach Aufkommen der vollsynthetischen Garne und deren ständigen Verbesserung spielten "Kunst-Seiden" keine Rolle mehr. |